FACES
Mao Tongqiang

 



 

Während Chinese Pop seinen Stellenwert als internationales Phänomen am Kunstmarkt behauptet erscheint die Auseinandersetzung von Mao Tongqiang mit der Kunst des Westens differenziert und komplex. In der Serie „files“ adaptiert er die von Andy Warhol praktizierte Siebdrucktechnik. Im Gegensatz zur Objektivität der Reportagebilder Warhols in serienmäßiger Wiederholung entfalten Maos Portraits eine eminent subjektive Wirkung. Durch den Störfaktor verschiedener malerischer Eingriffe wird die Abbildhaftigkeit des Dokumentarfotos in einem schmerzhaften Verarbeitungsprozess aus der Anonymität ins Bewusstsein einer kollektiven Vergangenheitsbewältigung gerufen. Die Serie portraitiert Verstorbene, welche durch misslungene Operationen, Unfälle oder Selbstmorde Opfer der Grausamkeit und Tragik der gesellschaftlichen Realität wurden. Auf dem Gebiet der Gegenwartsmalerei thematisiert die Serie „files“ den Fluss der Zeit in einem Prozess der schmerzhaften Vergegenwärtigung ganz im Gegensatz zur Distanziertheit der Konsum- und Gesellschaftskritik der Pop Art. In seinen Übermalungen konstatiert Mao den Reflex des Individuums, der, dokumentiert in einzelnen Erkennungsfotos, als Vermerk in den Akten, versiegelt, allmählich verblasst. Durch die obsessive Beschäftigung mit Zeit, Identität, Tod und Erinnerung unterscheidet sich Maos „files“ Serie von der Pop Art und erinnert im subjektiven Umgang mit Erfahrungen des Verlusts an vergleichbare Erscheinungen des Westens wie die Installationen Christian Boltanskys. Durch die Kombination von im Siebdruck reproduzierter Fotografie, Zahlen, Schriftzeichen und verschiedenen Übermalungen entsteht die vielschichtige Oberflächenstruktur der Bilder als Eindruck einer sensiblen Membran, die in ihrer Verletzlichkeit auf das Postulat der sozialen Verantwortung der Kunst in unserer Zeit verweist.


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mao tongqiang
No.19B, 2005, 200 x 250 cm